Gesundheit – Krankheit


Im Allgemeinen sind Tauben sehr robust und wenig krankheitsanfällig. Dies gilt besonders für Brieftauben, die der Urform – der Felsentaube – verwandtschaftlich noch sehr nahe stehen.

Bei guter Haltung, d.h. mit einem gut durchlüfteten aber zugfreien Schlag, einer Voliere und regelmässigem Freiflug, dazu sauberes Wasser und gutes Körnerfutter erfreuen uns die Tauben mit einer guten Gesundheit.

Trotzdem gibt es auch bei Brieftauben einige 'Zivilisationskrankheiten’. Anfangs der 80er Jahre tauchte plötzlich die PARAMYXOVIROSE – eine ansteckende Viruskrankheit – auf, die oft ganze Bestände dahinraffte. Durch regelmässige Schutzimpfung hat man heute diese Krankheit im Griff. Es sind mir wenigsten seit langen keine Fälle mehr bekannt geworden.

Neuerdings taucht eine neue Krankheit auf, die noch weitgehend unerforscht ist und die auch ganze Jungmannschaften befällt. Man spricht daher von der

 

 

Jungtauben-Krankheit


Nachstehend dazu ein Bericht von Rita Schmidlin, der in der Tierwelt, Nr. 32, 2004 publiziert worden ist.

 

 

Krankheit oder Folge von Haltungsfehlern?


Das erneute Ausbrechen der Jungtauben-Krankheit bereitet vielen Züchtern Kummer und Sorgen. Besonders gefährdet, sich mit der Krankheit anzustecken, sind Jungtauben, die nicht hundertprozentig fit sind. Nach den Ursachen und den Krankheitserregern wird geforscht.

Leider ist es schon fast normal, dass im Sommer Meldungen von erkrankten Jungtauben eintreffen. Die betroffenen Züchter sind verzweifelt. Was kann man dagegen machen? Wie soll man vorgehen, wie sich schützen vor der gefürchteten Jungtauben-Krankheit?

Trotz grossem Forschungsaufwand in verschiedenen Ländern hat man die Krankheit nicht im Griff. Nebst vielen anderen Tierärzten bemühen sich auch die Spezialisten der Taubenklinik in Essen D, die auch für viele Schweizer Taubenhalter Anlaufstelle bei Problemen ist, darum, den Ursachen auf die Spur zu kommen. Der Leiter der Taubenklinik, Dr. Ludger Kamphausen, hat der Zeitschrift «Die Brieftaube» einige Fragen beantwortet, die auch für die Schweizer Züchter von Interesse sein dürften.

 

 

Nur gesundeTiere einsetzen


In Deutschland grassiert die Jungtauben-Krankheit in einem beängstigenden Ausmass und die Krankheitsverläufe sind schlimmer als im vergangenen Jahr. Die Ursache dafür kann nur vermutet werden. Ludger Kamphausen ist überzeugt, dass die feuchtwarme Witterung dazu beiträgt. Er befürchtet, dass den Taubenzüchtern das Schlimmste noch bevorsteht. Die Erfahrung aus den Vorjahren zeigt, dass der Beginn der Jungtaubenflüge zu den meisten Krankheitsausbrüchen führt. Leider werden auf den Vorflügen häufig Jungtauben eingesetzt, die nicht hundertprozentig gesund sind. Diese verbreiten die Krankheitserreger in den Reisevereinigungen, sodass es häufig regional zu massiven Ausbrüchen kommt. Ob es tatsächlich so schlimm kommen wird, hängt aber auch von nicht kalkulierbaren Faktoren wie der Wetterentwicklung ab. Wenn Jungtauben abmagern, kränklich wirken, ohne ersichtlichen Grund sterben, keine Lust zeigen, Futter aufzunehmen oder in den Freiflug zu gehen oder anschliessend zur Fütterung nicht mehr in den Schlag kommen, ist Vorsicht am Platz.

Bei Verdacht auf Jungtauben-Krankheit oder bei bereits erkrankten und gestorbenen Jungtauben kann die Taubenklinik eine Diagnose stellen und eine Behandlung anbieten. Die Untersuchung kann aber nur an einer Taube aus dem Bestand erfolgen. Hat man die Möglichkeit, die Taube zur Klinik zu bringen, kann die Diagnose sofort gestellt werden, wird sie zur Sektion eingesandt, dauern die Untersuchungen drei Tage. Kotproben genügen für diese Untersuchung nicht, die Erreger der Jungtauben-Krankheit sind nicht über den Kot nachzuweisen. Nur die Untersuchung mindestens einer Taube, kann eine eindeutige Diagnose sicherstellen.

Was die Behandlungsmöglichkeiten der Taubenklinik angeht, wies Ludger Kamphausen darauf hin, dass es unterschiedliche Ausprägungen der Erkrankung gibt. In einigen Fällen werden bei der Untersuchung Darmparasiten wie Hexamiten und Giardien nachgewiesen, in anderen aber nicht, weshalb auch die Behandlung unterschiedlich ist. Hexamiten können sehr gut behandelt werden, da das Mittel Ronidazol wieder zugelassen ist.
Auch andere Formen der Erkrankung können mit den neuen Präparaten wirkungsvoll bekämpft werden. Es hat sich gezeigt, dass spezielle, vorwiegend im Darm wirkende Antibiotika in der Regel eine gute Wirkung zeigen. Eine fünftägige Kur reicht meistens aus, um die Erkrankung zu therapieren.

 

 

Stand der Forschung


Wie in der «Tierwelt» schon mehrfach berichtet, versuchen Spezialisten weltweit der Ursache der Jungtauben-Krankheit auf die Spur zu kommen. In der Taubenklinik in Essen werden Circoviren als die wichtigsten Erreger der Krankheit angesehen. Sie schwächen das Immunsystem, so dass andere Krankheitserreger die Symptome hervorrufen können.

Die laufenden Untersuchungen konzentrieren sich darauf, herauszufinden, welche Bakterien (z.B.l Colibakterien) eine eigenständige Rolle spielen, ob sie allein Krankheiten auslösen können oder nicht. Auch die krank machenden Eigenschaften der Circoviren werden untersucht, es liegen aber noch keine weiteren Erkenntnisse vor.

 

 

Krank durch Haltungsfehler


In einem Vortrag des bekannten deutschen Tierarztes Burkard Sudhoff bei den Schweizer Brieftaubenzüchtern im vergangenen Jahr waren interessante Aussagen zu hören, die an dieser Stelle für alle wiederholt werden, die nicht dabei waren. Burkard Sudhoff ist überzeugt, dass man sich mit dem Gedanken befassen muss, dass die gefundenen Krankheitserreger nicht die Ursache, sondern nur eine Folge der Krankheit sind. Das Immunsystem der Brieftauben ist gestört und deshalb nicht mehr stabil. Dafür ist nach Burkard Sudhoff kein Virus verantwortlich, sondern die heutige Haltung der Brieftauben, die sich zu weit von der Natur entfernt hat. Man gibt den jungen Tauben keine Chance mehr, ihr Immunsystem aufzubauen.

Sudhoff zeigte in seinem Vortrag auch gleich auf, was falsch gemacht wird. In der Zucht werden zu viele zugekaufte Tauben eingesetzt, die keine Eigenleistung aufzeigen, sondern nur einen berühmten Namen tragen. Die Widerstandskraft geht damit verloren. In der Aufzucht gab es früher vor allem natürliches Futter, die Tauben waren damit zwar weniger fluglustig, hatten aber Zeit, sich aufzubauen. Heute wird schon bei den Jungtauben auf Leistung gefüttert, weshalb die Ernährung zu einseitig ist. Eiweissreiche Nahrung vermindert die Fluglust, Kohlenhydrate fördern diese.

Ebenfalls unnatürlich geworden ist der Schlagbau. Waren Jungtaubenschläge früher sehr einfach gebaut, mit Stroh auf dem Boden und eher seltener Reinigung, glaubt man heute, Gitterrostböden und übertriebene Hygiene böten denTauben optimale Verhältnisse.

Das alles führt dazu, dass man häufiger kranke Tiere hat, ebenso häufig Medikamente verabreicht, womit sich der Teufelskreis schliesst. Burkard Sudhoff betonte, dass diese Erklärung seine persönliche Meinung sei. Er kann seine These nicht beweisen, ist aber, mit vielen anderen Züchtern, davon überzeugt, dass man mit den heutigen Systemen mit übertriebener Reinlichkeit und Leistung um jeden Preis auf dem falschen Weg ist.

 

 

Zurück zur Natur


Was ist also zu tun? Nach dem Absetzen sollen die Jungtauben in einen Schlag kommen, der so einfach und natürlich wie möglich ist. Gut bewährt haben sich Strohecken, auf die man ruhig etwas Grit streuen darf. Die Jungen picken gerne im Stroh und nehmen auf, was sie finden. Kotbestandteile, und mit ihnen Krankheitserreger, stärken das Immunsystem. Ausserdem sollte man die Jungtauben nicht gegen Trichomonaden behandeln, diese sind wichtig, um das Immunsystem aufzubauen. Vitale und robuste Tiere nehmen keinen Schaden, sondern werden stärker.

Nach Burkard Sudhoff sind Trichomonaden die Wohlstandskrankheit der Brieftauben und die Jungtauben-Krankheit nur Auswüchse des Hobbys.

Der erfahrene Tierarzt, der selber auch Tauben züchtet, rät dazu, möglichst nur natürliche Mittel einzusetzen und ganz normales Jungtaubenfutter mit erhöhtem Eiweissanteil zu verfüttern. Die jungen Tauben entwickeln sich dadurch organisch besser, zeigen allerdings eine geringere Fluglust und -leistung. Im Vergleich zum Spitzensport genügt es aber, zirka zwei Wochen vor den Wettflügen auf Leistungsfutter umzustellen, damit die gewünschte Fluglust kommt. Diese langsame, ruhige Entwicklung der Tauben führt zu einer besseren späteren Lebensleistung.